Werra-Rundschau

Fürs Rotwild ist es fünf nach zwölf

Ulfen. „Es ist bereits fünf Minuten nach zwölf. Wir müssen unbedingt etwas für unser Rotwild tun.“ Die Jagdfreunde Gerhard Methner, Vorsitzender der Hegegemeinschaft Sontra, und Michael Stein, Jagdvorsteher in Ulfen, machen sich große Sorgen um den Bestand der Wildart in den heimischen Wäldern.
Auch Rolf Walter Becker, der in seiner Funktion als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft „Lebensraum Rotwild“ beim Landesjagdverband im Rahmen einer Zusammenkunft der Hegegemeinschaft Sontra über die aktuelle Situation sowie Verbesserungen für die Könige der hessischen Wälder referierte, sieht Handlungsbedarf: „Wir vom Landesjagdverband schlagen vor, die Rotwildgebiete - es gibt in Hessen 20 ausgewiesene auf einer Fläche von 620 000 Hektar - zu überdenken. Es ist ganz wichtig, dass sich der Hirsch in seinem Revier wohlfühlt“, machte Rolf Walter Becker deutlich. Seinem Referat war zu entnehmen, wie sehr der Landesjagdverband Veränderungen anstrebt: „Wir haben allerdings einen Punkt erreicht, an dem wir allein nicht mehr weiterkommen.“
„So heftig, wie es momentan der Fall ist, darf der Lebensraum der Hirsche nicht eingeengt werden. Rotwild sollte da sein, wo es hin will“, gibt Michael Stein diesbezüglich und unmissverständlich zu verstehen. „Wir wollen den Tieren in den Regionen Sontra und Südringgau eine Heimat geben, sie müssen sich wohlfühlen, denn sie sind hier bei uns Kulturgut“, führte der Ulfener Jagdvorsteher gegenüber der WR aus.
„Wir alle wünschen uns die Hilfe des Landesjagdverbandes, aber wir sind auch angehalten ihn zu unterstützen“ , so Gerhard Methner. Er zieht sich die Hessenkarte mit den ausgewiesenen, so genannten roten Gebieten für Hirsche heran, die, wenn sie diese Bereiche verlassen, quasi ihr Todesurteil besiegeln. Es könne nicht sein, so Methner, dass die Wildbestände, vornehmlich von Thüringer Seite, wahllos zusammengeschossen werden: „Wir können dem Rotwild nur helfen, wenn wir Druck auf Hessen-Forst ausüben und eine andere Wildbejagungssatzung für den Staatswald einfordern. Es darf nicht sein, dass Landesforstverwaltungen auf Kosten der gemeinschaftlichen Jagdbezirke hohe Wildabschüsse erzielen“, haderte Methner.
Im Staatswald drehe sich alles nur ums Geld, dabei sei er doch Allgemeingut der Bevölkerung. „Hessen-Forst geht für Geld das Risiko ein, Teile der Natur zu verlieren“, weist Michael Stein auf die harte Wahrheit hin. Und der Ulfener Jagdvorsteher denkt beim Wald nicht nur an Tiere, sondern auch an Bäume und das daraus gewonnene Holz.
Hier seien, so Gerhard Methner, auch die Landtagsabgeordneten gefordert: „Sie müssen sich bewusst sein, dass der Staatswald ein Erholungsraum ist. Wald gehört zur Seele der Deutschen. Was jetzt im großen Stil an Holz herausgeschlagen wird, das dauert 80 Jahre bis es wieder aufgeforstet ist“, nimmt Stein hier wieder die Kurve zu den Tieren: „Die durch den Holzeinschlag entstandenen Lichtungen engen wiederum den Lebensraum der Tiere ein, die den dunklen Wald bevorzugen.“
Passend zu diesen Ausführungen das Zitat von Ralf Walter Becker: „Der von den Forstbehörden propagierte naturnahe Waldbau muss das Rotwild als Teil des Ökosystems mit einbeziehen.“
Es sei, wie Gerhard Methner konstatiert, großartig, wenn sich Luchs und Wildkatze wieder in der Region ansiedeln, aber im gleichen Zug dürfe doch das Rotwild nicht verschwinden: „Hier scheint es so, als bliebe der König der hessischen Wälder völlig unbeachtet.“
Ein Bericht, der zu diesem Thema im Oktober 2006 in der WR erschienen ist, hat zunächst einiges bewirkt. Landwirtschaftsminister Dietzel bekräftigte bei einem Gespräch in Berneburg seine persönliche Unterstützung und die Aufarbeitung der Thematik mit seinem Thüringer Amtskollegen, weil speziell die „Kohlbach“, ein Niemandsland zwischen den beiden Bundesländern von dem Problem betroffen ist.
Am Runden Tisch, zu dem Michael Stein und der Blankenbacher Jagdvorsteher Albert Rimbach die Forstamtsleiter von Wehretal, Marksuhl und Seulingswald sowie Rolf Walter Becker und den thüringischen Jagdreferenten Müller eingeladen hatten, wurden Kompromisse gefunden. „Auf Thüringer Seite sollte ein Bestand von 30 Stück Rotwild erhalten bleiben“, erklärte Michael Stein, dass alle Seiten stolz auf diesen Beschluss gewesen sind.
Doch die bittere Enttäuschung folgte: „Nach unseren Recherchen hat das Forstamt Marksuhl wieder vier kleine Drückjagden abgehalten und eine erhebliche Anzahl von Rotwild geschossen“, ist Stein stinksauer. Er befürchtet, dass die Vereinbarung gänzlich gebrochen und das Wild weiter dezimiert wird. „Und dann stehen wir wieder im Oktober 2006, alle Gespräche waren für die Katz“, versteht Michael Stein die Welt nicht mehr.
„Wir müssen die politisch Verantwortlichen, alle Naturschutzverbände und Jagdgenossenschaften sowie auch die touristischen Entscheidungsträger an einen Tisch bringen. Der Schutz des Rotwildes verlangt diese Wertstellung“, blickt Gerhard Methner auf den Landesjägertag. Der ist auf den 9. Mai terminiert und nach Melsungen vergeben. „Schon da könnten Entscheidungen getroffen werden“, so Methner abschließend: „Das Röhren der Hirsche darf nämlich nicht verstummen.“
Hintergrund: Rotwild gibt es in 140 Gebieten
Das Rotwild, (Cervus elaphus), auch Rothirsch genannt, unterscheidet sich durch sein besonders großes und weitverzweigtes Geweih von anderen Paarhufern. Charakteristisch für den Wiederkäuer sind seine breite Brust, ein langer schlanker Hals sowie ein nach vorn stark verschmälerter Kopf. Das sich nach Geruch orientierende Rotwild gehört zu der Familie der Echten Hirsche und lebt in Europa, Kleinasien und Nordafrika. In Deutschland beläuft sich das Verbreitungsgebiet des Rotwildes hauptsächlich auf das Mittelgebirge und die Alpen sowie menschenfreie Waldbiotope. Das sozialgesinnte Rudeltier, das sich von Pflanzen und Früchten ernährt, kommt in 140 Gebieten vor. Das entspricht elf Prozent der bundesweiten Gesamtfläche. Feinde des Rotwilds sind Wölfe, Luchse und Wildkatzen. (nic) (Samstag, 15. März 2008)

Aus der Werra-Rundschau